Warum sich unser Blick darauf verändert

Frankfurt am Main, 04. Mai 2026 – Das Corps Touristique steht für Weltoffenheit und setzt sich mit seinen Mitgliedern für die Freiheit des Reisens ein. Wir haben vor sechs Jahren den CT Award geschaffen, um die Völkerverständigung in den Mittelpunkt zu stellen und auf die verschiedenen Kulturen hinzuweisen. In der letzten JURY Sitzung für die Ausrichtung des Awards wurde vereinbart, dass der Preis nicht nur für die CT Mitglieder zugänglich sein soll, sondern für die gesamte deutsche Reisebranche.

Wir laden alle touristischen Unternehmen ein, sich für den CT Award 2027 zu bewerben.

Die Gewinner werden wie immer auf der CMT 27 im feierlichen Rahmen vorgestellt.

Unser heutiger Aufruf, erstellt von Günter Ihlau und Dr. Wolfgang Isenberg, soll dazu beitragen, diesen wichtigen Award als Zeichen für ein freies Reisen zu sehen.

Reisen. Begegnung mit der Welt

Warum sich unser Blick darauf verändert

Im Tourismus gilt Reisen vielfach als verbindende Kraft zwischen Menschen und Kulturen. Dieser Anspruch prägt seit jeher auch das Selbstverständnis des Corps Touristique. Mit dem CT Award „Connecting Cultures“ würdigt es Persönlichkeiten und Projekte, die diesen Gedanken sichtbar machen, indem sie Reisen nicht nur als Dienstleistung oder Erlebnis begreifen, sondern als Möglichkeit, Brücken zu bauen, Perspektiven zu öffnen und den Blick auf andere Lebenswirklichkeiten zu erweitern.

Der Award steht damit für ein Verständnis von Tourismus, das über Angebot und Organisation hinausweist und Begegnung, Offenheit und kulturelle Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. Das Corps Touristique versteht ihn deshalb nicht nur als Auszeichnung, sondern auch als Impuls. Er soll sichtbar machen, welchen Wert Reisen heute hat, wo es verbinden kann und warum Tourismus mehr ist als Mobilität, Erholung und Konsum.

Begegnung mit der Welt

In einer Zeit geopolitischer Spannungen, bewaffneter Konflikte und wachsender Polarisierung gewinnt der Anspruch, der Welt im Reisen zu begegnen, neues Gewicht. Mit den Krisen wachsen nicht nur Unsicherheit und Abschottung. Auch der Blick auf Länder, Regionen und Kulturen verengt sich und mit ihm der Horizont, in dem Reiseentscheidungen getroffen werden.

Komplexe Wirklichkeiten schrumpfen auf Gefahr und Bedrohung. Preis und Attraktivität eines Ortes werden zweitrangig, wenn Unsicherheit und Sicherheitsbedenken die Wahrnehmung bestimmen. Pauschale Bilder treten an die Stelle differenzierter Wahrnehmung. Ein bewussteres Verhältnis zum Reisen bedeutet dabei nicht, Risiken zu relativieren. Es heißt, sich darüber klar zu werden, wie Entscheidungen zustande kommen und dass Sicherheit nicht nur eine objektive Größe ist, sondern auch eine Frage der subjektiven Wahrnehmung und individuellen Einschätzung.

Reisen kann Kriege nicht verhindern. Es ersetzt keine Politik und löst keine Konflikte. Auch führt es nicht automatisch zu Offenheit oder gegenseitigem Verstehen. Wer ihm eine solche Wirkung zuschreibt, überschätzt es. Wer seine Bedeutung deshalb gering schätzt, verkennt jedoch, was Reisen dennoch leisten kann.

Für viele bedeutet Reisen zunächst Erholung und Entspannung. Es ist oft verbunden mit einem starken Lebensgefühl von Aufbruch und der Möglichkeit, für eine Zeit aus den Routinen des Alltags herauszutreten. Darin liegt ein Teil seiner anhaltenden Anziehungskraft. Wo Sicherheit fraglich wird oder Preise als nicht mehr tragbar erscheinen, sinkt jedoch die Bereitschaft zu Kompromissen. Zugleich bleibt die Frage, wie gereist wird, häufig hinter der Bedeutung zurück, die dem Reisen selbst zugemessen wird.

Reisen kann den Blick offen halten, den Sinn für Differenz schärfen und die Aufmerksamkeit für das fördern, was sich schnellen Urteilen entzieht. Für uns ist Reisen deshalb mehr als Bewegung im Raum. Es ist eine Möglichkeit, Unterschiede wahrzunehmen, Irritation zuzulassen und mit Menschen, Orten und ihren Wirklichkeiten in Beziehung zu treten.

Ein solcher Blick entsteht nicht von selbst. Er setzt Aufmerksamkeit, Aktivität und Respekt voraus. Zugleich hängt er nicht allein vom Einzelnen ab, sondern auch von den Bedingungen, unter denen Reisen stattfindet und davon, ob Zeit, Räume und Formen der Begegnung solche Erfahrungen überhaupt ermöglichen. Tourismus steht hier in einem Spannungsfeld. Er soll Orientierung, Verlässlichkeit und positive Erfahrungen bieten, schafft aber nicht immer die Voraussetzungen für vertiefte Einsichten.

Was Reisen zur Begegnung macht

Reisen als Begegnung mit der Welt ist kein Versprechen, das sich von selbst einlöst. Ob Reisen über Bewegung, Erholung und Konsum hinaus zu einer offeneren Wahrnehmung anderer Orte und Lebenswirklichkeiten führt, hängt von politischen Rahmenbedingungen, gesellschaftlicher Offenheit und der Art ab, wie Tourismus gestaltet wird und vom Reisenden selbst.

Mobilität ist nie nur privat. Sie ist politisch gerahmt durch Grenzen, Visa, Sicherheitslagen, diplomatische Beziehungen und geopolitische Spannungen. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie stark solche Bedingungen Reiseentscheidungen prägen. Reisehinweise, Visabeschränkungen oder diplomatische Spannungen können Reisen verhindern, umlenken oder aufschieben. Tourismus ist deshalb nicht nur ein Wirtschaftssektor, sondern auch Seismograf globaler Entwicklungen.

Krisen verändern jedoch nicht nur die äußeren Bedingungen des Reisens, sondern auch die Haltung der Reisenden. Wo Unsicherheit wächst, nehmen das Bedürfnis nach Orientierung und die Hinwendung zu vermeintlich sicheren Räumen zu. Ziele werden gemieden, Reisen verschoben oder ganz unterlassen. Solche Verschiebungen können erheblich sein, sind aber oft nicht von Dauer. Für viele wird dabei bewusster, dass Reisen nicht nur Wunsch und Möglichkeit ist, sondern auch eine Frage der Abwägung.

Auch dort, wo gereist wird, entsteht nicht automatisch ein offener Blick. Die Realität des Tourismus ist geprägt von Effizienz, Standardisierung und hohen Volumina. Reiseabläufe sind optimiert, viele Kontakte bleiben flüchtig oder funktional. Gerade darin liegt die Herausforderung: Auch unter solchen Bedingungen muss es möglich sein, andere Menschen und Orte mehr als funktional wahrzunehmen.

Zugleich zeigen Konflikte und Proteste in vielen Destinationen, dass Begegnung ihre Grundlage verliert, wenn sie einseitig wird. Wo Belastungen ungleich verteilt sind, lokale Perspektiven übergangen werden oder Tourismus als Überforderung erlebt wird, gerät auch sein Anspruch auf Verständigung unter Druck. Nur wenn Tourismus fair eingebettet ist und von Orten, an denen er stattfindet, mitgetragen wird, behält er seine kulturelle Glaubwürdigkeit.

Wenn Reisen mehr sein soll als Erholung oder Erlebnis, muss auch neu darüber gesprochen werden, worin sein Wert liegt. Sicheres, gut organisiertes und erholsames Reisen bleibt wichtig. Aber reicht dieses Verständnis aus oder müssen wir Reisen zugleich auch als kulturelle Praxis, als Wahrnehmungsform und als Weltbezug begreifen?

Reisen kann eine Weise sein, Welt wahrzunehmen und mit Differenz umzugehen, ohne sie vorschnell zu glätten. Wer reist, begegnet nicht einer Wirklichkeit, sondern verschiedenen Wirklichkeiten eines Ortes: alltäglichen, historischen, kulturellen und sozialen. Vieles muss wahrgenommen, eingeordnet und erst entschlüsselt werden. Reisen kann in diesem Sinn auch einen Gegenakzent gegenüber einer mediatisierten Welt setzen, nicht weil es „die“ Wirklichkeit unverstellt zeigt, sondern weil es vorgeprägte Bilder an Erfahrung prüfbar macht.

Die Verantwortung des Tourismus

Tourismus organisiert Bewegung, aber mehr als das. Er prägt Wahrnehmung, Erwartungen und die Bedingungen, unter denen Reisen über Erholung und Konsum hinausweisen kann. Gerade deshalb bemisst sich seine Qualität nicht allein an Angebot und Nachfrage, sondern auch daran, ob er Orientierung ermöglicht, Sensibilität fördert und einen offenen, differenzierten Blick auf andere Orte und Lebenswirklichkeiten unterstützt.

Seine Möglichkeiten sind begrenzt. Tourismus verfügt nicht über politische Machtmittel und kann geopolitische Konflikte nicht lösen. Aber er kann Resonanzräume eröffnen, Räume, in denen andere Perspektiven sichtbar werden, Wirklichkeiten erfahrbar bleiben und Reisen mehr sein kann als bloße Bewegung.

Sicherheit, Verlässlichkeit und gute Organisation gehören zum Handwerk des Tourismus und dürfen vorausgesetzt werden. Profil gewinnt er dort, wo Veranstalter, Destinationen und andere Akteure Bedingungen schaffen, unter denen Reisen mehr sein kann als reibungsloser Ablauf.

Daraus erwächst für die Art, wie wir reisen, wie wir Gastgeber sind, wie wir Tourismus gestalten und wie wir von Orten erzählen die Verantwortung. Wo sich die Welt verhärtet, kommt es darauf an, diese Möglichkeiten bewusst zu nutzen. Nicht jede Reise führt zu einem offeneren Blick. Aber wo Tourismus differenzierte Wahrnehmung fördert, faire Bedingungen schafft und andere Lebenswirklichkeiten nicht auf Kulissen oder Funktionen reduziert, kann er seinen kulturellen Anspruch glaubwürdig einlösen.

Gerade deshalb braucht es eine neue Debatte darüber, welchen Wert das Reisen hat, unter welchen Bedingungen es stattfindet und welches Verständnis uns dabei leitet. Dieser Aufgabe stellt sich das Corps Touristique und lädt dazu ein, sie gemeinsam weiterzuführen. Denn auf dem Spiel steht mehr als die Qualität einzelner Reisen. Entscheidend ist, wie unter den Bedingungen einer konflikthaften Welt Begegnung und Verständigung zwischen Gesellschaften möglich bleiben. Und welchen Beitrag Reisen heute zu jener Idee leisten kann, die lange Völkerverständigung hieß.

Reisen wird die Welt nicht befrieden.
Aber es kann verhindern, dass sie in den Köpfen kleiner wird.

Autoren:

Günter Ihlau
Mitglied im Vorstand des Center for Innovation & Sustainability in Tourism (c.i.s.t), Vorsitzender des Arbeitskreises Kulturtourismus im DRV, war u.a. Direktor für Internationale Beziehungen der TUI AG, Koordinator des Think Tank Leisure and Tourism der TUI AG, über 15 Jahre Tätigkeit in touristischen Zielgebieten. / ihlau.guenter@gmail.com

Dr. Wolfgang Isenberg
Wissenschaftlicher Leiter der PROJECT M GmbH Strategieberatung für den Tourismus, Vorsitzender des Politischen Beirats Tourismus NRW, war u.a. Direktor der Thomas-Morus-Akademie, Lehrbeauftragter sowie Koordinator des Think Tank Leisure and Tourism der TUI AG. / w@isenberg-net.de

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